Fahrräder auf einer kleinen Straße. Foto: Polen.pl (JW)

Radfahren in Polen soll sicherer werden

(Berlin, JW) Mit dem 1. Mai 2011 treten in Polen verbesserte Sicherheitsstandards für Radfahrer in Kraft. Das berichtet das Polnische Fremdenverkehrsamt in seinem Newsletter. Das Land, das bisher einerseits durch hochattraktive Fahrradrouten insbesondere in den Wald- und Seengebieten in Masuren und Westpommern aufgefallen ist, hat andererseits zu Recht einen schlechten Ruf in Bezug auf die Unfallquote mit Radfahrern. Das hängt zum einen mit den Rechten der Radfahrer und den zugehörigen Regelungen im Straßenverkehr zusammen. Zum weiteren ist ein Grund, dass die dynamische Motorisierung des Landes zum ‘sozialen Abstieg’ von Radfahrern im Straßenverkehr führte: Radfahrer werden oft von Autofahrern nicht ernst genommen und vielfach missachtet. Die neuen Regelungen haben auch zum Ziel, die Rolle der Radfahrer im Straßenverkehr zu stärken und es zukünftig Radfahrern auch zu ermöglichen, entlang stärker befahrener Straßen sicher zu radeln.

Mehr Rechte für Radler

Der Sejm, das polnische Parlament, und der Senat haben den Änderungen im Straßenverkehrsrecht zugestimmt. Dazu gehört das ab Mai 2011 bestehende Recht der Radfahrer, Automobile rechts zu überholen, wenn diese langsam unterwegs sind. Dies gilt insbesondere für Kreuzungen. Stark befahrene Straßen, die als häufiger Unfallschwerpunkt mit Radfahrern gelten, sollen vermehrt mit speziellen Haltebereichen für Radler ausgestattet werden: Diese ‘Fahrradschleusen’ genannten Bereiche ermöglichen es an Ampeln, dass die Zweiradlenker sich vor den Autos und Lastwagen einordnen können und hier besser gesehen werden. Beim Abbiegen, insbesondere dem Linksabbiegen, dürfen Radfahrer nun auch in der Mitte der Fahrbahn fahren, und nicht mehr nur am rechten Rand. Autofahrer sind damit zugleich verpflichtet, den Schulterblick beim Abbiegen zu machen: Kommt ein Radfahrer heran, hat dieser Vorfahrt und muss vorbeigelassen werden.

Bürgersteige auch für Zweiradlenker

Darüber hinaus werden nun Fahrradanhänger erlaubt, um Kinder mit dem Fahrrad mitzunehmen. Die auch in Deutschland nicht unumstrittenen Gefährte sollen allerdings nicht das einzige Element zur verstärkten Radmobilisierung der jungen Generation sein: Begleiter von Kindern bis zum zehnten Lebensjahr haben das Recht, mit den Kleinen auf dem Bürgersteig zu radeln.

Noch wichtiger: Generell darf der Bürgersteig von Radfahrern genutzt werden, wenn die Autos auf der Straße schneller als 50 Stundenkilometer fahren dürfen. Das ist ein besonders wichtiger Aspekt der Neuregelungen, da gerade auf mit höheren Geschwindigkeiten befahrenen Landstraßen Radfahrer als sehr gefährdet gelten. Diese Regelung gilt allerdings nur für breitere Bürgersteige von mindestens zwei Metern Breite oder bei schlechter Sicht.

Wirkung bleibt abzuwarten

Dass die Rechte der Radfahrer in Polen gestärkt werden, ist eine gute Nachricht für die zunehmende Zahl der ‘Biker’ im Land. Das Radfahren beginnt sich als Sport- und Fortbewegungsart verstärkt zu etablieren; im Straßenbild sind Mountain- und Trekking-Bikes schon an der Tagesordnung, auch Rennräder sind verstärkt zu sichten. Wie schnell tatsächlich die baulichen Veränderungen der Straßen und Kreuzungen vonstatten gehen werden, bleibt abzuwarten. Die wichtigste Frage ist jedoch, wie rigoros auch die Gerichte die aus den erweiterten Rechten der Radfahrer entstehenden neuen Pflichten der Autofahrer verfolgen werden: Davon wird in entscheidendem Maße abhängen, wie schnell sich manch Radlern gegenüber rücksichtsloser Autofahrer die umsichtigere Fahrweise aneignet. Eines kann als sicher gelten: Wenn es nicht zu Präzedenzurteilen bei den leider immer noch sehr häufigen Unfällen oder Fast-Unfällen kommt, wird sich wenig ändern. Zu hoffen ist, dass sich daraus nicht eine Art ‘Feindschaft’ zwischen automobilen und zweiradbeförderten Verkehrsteilnehmern wie beispielsweise in Berlin ergibt. Es wäre fatal, wenn die Autofahrer einerseits den Radfahrern ihre erweiterten Rechte neiden und andererseits die Radfahrer darauf stur beharren und diese über das gebotene Maß hinaus ausnutzen.

Jens
Über den Autor

Jens

Jens ist Projektkoordinator bei Polen.pl. Er ist seit langem Polen-Fan und nutzt freie Tage gern für einen Besuch - auch der Familie - im Nachbarland. Seine Schwerpunkt-Themen sind Nützliches (Service) sowie Gesellschaft und er ist Ansprechpartner für externe Anfragen.

3 Responses to Radfahrer dürfen in Polen mehr

  1. Jens Jens sagt:

    Hallo CGast,

    ich sehe das aus eigener Erfahrung ähnlich: Ohne direkten Augenkontakt zum abbiegenden Autofahrer würde ich niemals an einem PKW rechts vorbei fahren. An einem LKW generell nicht, denn da klappt das mit dem Augenkontakt aufgrund der Bauhöhe des Fahrzeugs nicht. Die Message der neuen Regelungen in Polen ist für mich aber zentral: “Radfahrer sind etwas wert”. Bisher hat man das Gefühl als Radfahrer in Polen eher nicht…das ändert sich nun allmählich.

    Beste Grüße
    Jens

  2. CGast sagt:

    An einigen Stellen wirklich ein sehr vernünftiges und vorblidliches Regelwerk.

    So ist es sicher sinnvoll, wenn die erwachsenen Mitfahrer die Kinder auf dem Geweh begleiten dürfen. Auch das Gehwegfahren ist nicht unbedingt schlecht, man sollte da aber die notwendige Vorsicht (an Kreuzungen) und Rücksicht (gegenüber Fußgänger) mitbringen.

    Man muss aber aufpassen. Ein paar Fallen sind da schon versteckt. Rechts an Autos vorbei zu fahren, ist sehr gefährlich. Man rauscht da direkt in den “Toten Winkel”. In der deutschen StVO ist das nur bei Stillstand der Autos erlaubt (und da ebenfalls nicht sinnvoll).

    Naja und die Aufstellflächen/Fahrradschleusen sind Folklore. Zwar ganz lustig anzusehen, aber im alltäglichen Leben eher kaum sinnvoll. Insbesondere, im Übergang zwischen Rot und Grün, ist man als Radfahrer plötzlich im Weg oder an der ungünstigsten Stelle: Zwischen den ganzen Autos. Einfach hinten anstellen und warten wie alle anderen. Das geht meist am schnellsten und ist am sichersten.

    Ansonsten viel Spass beim Radfahren.

  3. Anna sagt:

    Kann ich nur bestätigen. In Polen gilt ein Auto noch mehr als in Deutschland als Statussymbol, denke ich. Ein Radfahrer wird aufgrund fehlender Fahrradwege eher als ‘Störer’ empfunden, als derjenige der den Verkehrsfluss auf den meist engen Stassen noch zusätzlich erschwert.
    Eine Demo-Initiative der Fahradfahrer in Warschau- die ‘Kritische Masse’ (PL: Masa Krytyczna) zieht in 3 Tagen wieder durch Warschauer Strassen los, um auf die Lage der Fahrradfahrer aufmerksam zu machen und den Druck auf die Stadtverwaltung aufrechtzuerhalten.

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